Startseite Kultur Künstliche Intelligenz gegen Mensch: Die Auflösung zum Literaturexperiment

Künstliche Intelligenz gegen Mensch: Die Auflösung zum Literaturexperiment

von Max

Daniel Wisser: „Ich habe keine Angst vor der Maschine“

Ja, sagt Daniel Wisser, „meine Frau war anfangs entsetzt“. Darüber, dass die Abstimmung, welchen der beiden Texte die KI geschrieben hat, nicht viel eindeutiger ausgegangen ist. Dass also keineswegs klar war, welcher Text vom Menschen stammt.

Wisser selbst, sagt er, war „gefasst“: „Man sieht daran, welche Art von Texten die Maschine imitieren kann – und was sie nicht kann. Das ist letztlich das Gute an unserem Versuch.“ Er habe in seiner Erzählung „mit ganz simplen Sätzen gearbeitet und auf Adjektive so gut wie völlig verzichtet. Der ganze Text kommt sehr klar daher.“ Die KI wiederum ist gut darin, einzelne Sätze zu formulieren, „gute Aphorismen. Aber die können alles heißen – oder halt auch nichts.“

Auffällig beim Text der KI sei der häufige Einsatz von Fremdwörtern – „und diese hanebüchenen Vergleiche: ,Erinnerungen steigen auf wie Blasen in einem Moorbad.’ Das erinnert mich an die berühmte Doktorarbeit einer Ministerin mit ihren Seepocken.“

Der Punkt sei, dass „die größte Einheit der Sprache, nicht der vollständige Satz ist, sondern der vollständige Text“ ist – und im Erstellen ganzheitlich anzusehender Texte insbesondere dort, wo es auf Anspielungen, auf Zwischentöne, Doppeldeutigkeiten und große Bögen ankomme, „das kann die KI halt einfach nicht. Da wird es immer gewitzte Autoren geben, die mehr herausholen können.“

Ein Faktor bei der Frage „Was ist ein guter Text“ ist auch der Leser. Wenn man sich Genres wie Young Adult ansieht, sind für gar nicht wenige Menschen Texte gut (genug), die literarischen Kriterien nicht entsprechen, oder? „Ich habe keine Angst vor der Maschine, sondern ich habe Angst vor den Menschen“, sagt Wisser. Das Young-Adult-Genre habe gezeigt, „dass der Krimi noch längst nicht das Schlimmste und Blödeste ist. Ganz im Gegenteil: Der wurde dadurch in Richtung Hochkultur gehoben“, sagt Wisser, der selbst kürzlich unter dem Pseudonym Simon Ammer den Krimi „Das Paradies war früher schöner“ geschrieben hat.

Mehr Widerstand

Die Entwicklung am Buchmarkt „zeigt, dass Lesen und Texte Verstehen auch mit einer gewissen Schulung zu tun hat“, es da aber einen „Verfall“ gäbe, gegen den Verlage und Medien „mehr Widerstand leisten“ müssten.

Und man beobachtet eine Änderung in der Lektüre-Bewertung: Phänomene wie BookTok – ein florierender Bereich auf TikTok, in dem Bücher in Kurzvideos empfohlen werden – verweben Bücher direkt mit den eigenen Emotionen. „Die erzählen dann ausführlich, wie viel sie geweint haben, wie sehr es sie berührt hat“, sagt Wisser. „In der Literatur gibt es kein Absolutes“, betont er. „Es gibt unsere Literaturgeschichte, die immer weniger wert wird. Letztendlich muss jeder sich überlegen, wie er bewertet.“ Dass das nunmehrige KI-Experiment auf so großes Interesse gestoßen ist, sei „gut. Und ich glaube auch nicht, dass die Literatur verschwindet. “

Aber dass die KI dann doch schon so nah dran ist am menschlichen Autor – hat er nicht doch Angst, dass die KI den Autoren den Job oder zumindest ihren Platz am eh schon überspannten Buchmarkt abspenstig macht? „Dazu muss man sagen: Text ist nicht alles“, sagt Wisser. Der Autor spiele „im kapitalistischen Verkaufsprozess eine relativ kleine Rolle“: Er erhält vom Preis eines Buches „zehn, zwölf Prozent, da könnte man in anderen Bereichen mehr sparen“.

Hat sich das Experiment für ihn ausgezahlt – oder war es mehr bitter als schön? „Nein“, sagt Wisser mit einem Schmunzeln, „es war mehr schön als bitter. Und ich werde in Zukunft mehr Vergleiche schreiben. Das auf jeden Fall.“

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