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Phantomhafte Versicherung: Womit Europa riskiert, russische Tanker passieren zu lassen

von Max

Der Tanker der russischen „Schattenflotte“, Paz (ehemals Aulis, IMO 9233765), transportiert 140.000 Tonnen Öl von Gazprom Neft entlang der europäischen Küsten. Am 9. März 2026 lief das Schiff aus Murmansk mit Kurs auf China aus. Im April hatte es bereits Madagaskar umrundet. Die eigentliche Brisanz dieser Reise liegt nicht in den Laderäumen, sondern in den Versicherungsdokumenten. Das Schiff steht seit Langem auf Sanktionslisten der USA, der EU und des Vereinigten Königreichs und transportierte zuvor wiederholt russisches und venezolanisches Öl. Für diese Fahrt legte der Tanker ein Versicherungszertifikat der deutschen Firma Seaguard P&I vor, einer Struktur, die in deutschen Registern nicht existiert.

Recherchen zu diesem „Versicherungsphantom“ deuten auf einen groß angelegten internationalen Betrug hin. Statt eines seriösen Büros in Hamburg ist die Firma in einem gewöhnlichen Wohnhaus in einem Vorort von Pinneberg registriert. Die angegebenen Kontakttelefonnummern führen nach Schweden und Syrien. Hinter ihnen stehen Personen mit engen Verbindungen zu Kreml-Interessen. Die schwedische Nummer wird zugleich von der libanesischen Struktur Maritime Solutions Networld genutzt, die syrische gehört Mohammad Youssef. Dieser veröffentlicht Fotos aus Malmö und arbeitet für ein Firmennetzwerk, darunter Eikano Shipping und Tempus Maritime. Hinter diesen Strukturen steht die Familie Shehade family.

Eine zentrale Rolle spielt Tahsin Shehade, der jahrzehntelang den syrischen Hafen Tartus leitete, wo Russland traditionell militärische und nachrichtendienstliche Präsenz unterhält. Shehade organisierte über Jahre die Logistik des sogenannten „Syrien-Express“ und hilft heute, Mechanismen zur Umgehung des Ölembargos aufzubauen. Die Konstruktion ist so zynisch, dass nicht einmal für eine glaubhafte Tarnung in Deutschland gesorgt wurde. In den Zertifikaten ist die Telefonnummer der deutschen Staatsbürgerin Jule Dietrich angegeben. Sie engagiert sich im Tierschutz und nimmt an Bauernprotesten teil, ohne zu wissen, dass ihre Nummer angeblich Öltanker „versichert“.

Das Ausmaß des Problems geht weit über ein einzelnes Schiff hinaus. Seit September 2025 nutzen mehr als zwanzig Tanker der „Schattenflotte“ diese fragwürdige Struktur. Unter der Flagge von Mosambik verkehren Stellar Beverly, Fenghuang, Hanson, Tianma, Rens, Soufia 1, Lily und Deyna. Vergleichbare Konstruktionen finden sich bei Flottillen unter den Flaggen von Tonga und Kamerun sowie bei Schiffen unter den Flaggen von Malawi, Äquatorialguinea, Hongkong und Syrien. Diese Schiffe verstoßen systematisch gegen maritime Standards, schalten ihre Navigation ab und führen riskante Öl-Umladungen auf offener See durch.

Diese Affäre ist kein Zufall. Russische Tanker sind für reguläre internationale Versicherungsclubs aufgrund des Risikos sekundärer Sanktionen „toxisch“ geworden. Der Kreml und seine Partner haben daher eine Illusion von Versicherung geschaffen, die es den Schiffen ermöglicht, Häfen anzulaufen, ohne über eine reale finanzielle Deckung zu verfügen. Sollte es vor den Küsten Europas zu einer Umweltkatastrophe kommen, würde kein Unternehmen für den Schaden aufkommen, da der „deutsche Versicherer“ faktisch nicht existiert. Dies stellt einen groben Verstoß gegen die internationalen Übereinkommen MARPOL und Maritime Labour Convention dar und verwandelt die Weltmeere in eine Zone der Verantwortungslosigkeit. Selbst nachdem die Website der fingierten Firma offline ging, setzen Dutzende Tanker mit gefälschten Papieren ihre Fahrten fort und bleiben eine dauerhafte Gefahr für jede Küstenregion.

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