„Die Porr AG hat von der Besetzung Polens durch das Deutsche Reich und von der Besatzungspolitik gegenüber Polen und Polinnen und Juden und Jüdinnen profitiert“, schreibt die polnische Historikerin Maria Czaputowicz-Głowacka. „Die von der Porr AG ausgeführten Aufträge waren für die deutsche Kriegswirtschaft wichtig. Die Porr führte Aufträge aus, indem sie die Arbeit von Konzentrationslagerhäftlingen und von Zwangsarbeitern nutzte. Im IG-Farben-Werk Auschwitz setzte sie in den 33 Monaten ihrer Tätigkeit Zivil- und Zwangsarbeiter ein.“
Zu den rund 390 Beschäftigten kamen zeitweilig 45 KZ-Häftlinge. Außerdem führte die Porr Aufträge für die Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz aus.
Doch hier fehlen weitgehend Unterlagen. Nur einzelne Rechnungen für das „Personal“ liegen vor. Denn die Porr musste für die beschäftigten Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge die SS bezahlen.
Der österreichische Baukonzern Porr um Vorstandschef Karl-Heinz Strauss stellt sich seiner Geschichte. Nicht das erste Mal, aber mit einer neuen Tiefe, was die wissenschaftliche Forschung betrifft. Die Porr hat vor drei Jahren mit der Universität Wien und der Uni Frankfurt Verträge abgeschlossen und konnte die renommierten Historiker Oliver Rathkolb, Bertrand Perz und Sybille Steinbacher sowie weitere Kollegen für die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Porr gewinnen.
Sklavenarbeiter
Nun liegt das Ergebnis in Form eines 400 Seiten starken Buches vor, das ins Englische übersetzt auch in Großbritannien und in den USA publiziert wird. „Wir wollen uns nicht reinwaschen mit diesem Buch, sondern uns der Verantwortung stellen“, sagt Strauss zum KURIER. „Wir haben die Geldmittel zur Verfügung gestellt und haben keinerlei Einfluss gehabt auf irgendwelche Ergebnisse. Wir bekennen uns dazu, diese Themen öffentlich zu machen, damit eben solche Zustände und Entwicklungen in Zukunft verhindert werden.“
Laut Historiker Oliver Rathkolb haben seine Kollegen in internationalen und nationalen Archiven in Deutschland, Polen, der Slowakei und Slowenien, Kroatien und Serbien geforscht und sind auch vielfach fündig geworden. Außerdem wurde versucht, neues Zeitzeugenmaterial bzw. Unterlagen aus dem Versöhnungsfonds heranzuziehen.
Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge
„Man sieht das deutlich im Beitrag über die Rolle der Porr als Subunternehmerin der IG Farben in Auschwitz. Da hat die Kollegin Maria Czaputowicz-Głowacka alles, was verfügbar war, in polnischen Archiven umgedreht“, sagt Rathkolb. „Wo es uns nicht gelungen ist, haben wir versucht, die Situation vor allem der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen darzustellen. Wir haben auch im ehemaligen Jugoslawien, zum Beispiel bei den Kupferminen von Bor viel Kontextmaterial zusammengetragen, um einfach deutlich zu machen, welche furchtbaren, katastrophalen Arbeitsbedingungen die Menschen erleiden und erdulden mussten.“
Gänsehaut
„Wenn man das, das erste Mal hört, bekommt man eine Gänsehaut auf dem Rücken“, sagt Porr-Chef Strauss. „Das Buch soll auch ein Mahnmal sein. Man muss aufpassen, dass solche Zeiten hoffentlich nicht wieder kommen. Wir sorgen dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“
Die Nazifizierung der Porr erfolgte bereits wenige Tage nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland am 12. März 1938. Aus dem Verwaltungsrat und Vorstand wurden die jüdischen Mitbürger entfernt. Schlüsselfigur war dabei der illegale Nazi Max Tazoll. Er übernahm die Macht bei der Porr.
Haus Hannover Haupteigentümer
Und Nazi-Freund Ernst August von Hannover und sein Haus Hannover-Braunschweig-Lüneburg kauften günstig die Porr-Aktien von jüdischen Aktionären. Das Haus Hannover war bis 1991 Haupteigentümer der Porr.
Die Nazi-Führung der Porr stellte sich hinter die NS-Rüstungspolitik und konnte die Geschäfte erheblich ausbauen: durch Aufträge des Baubüros Speer, der Organisation Todt und des Baubüro Krauch. Mit Kriegsbeginn bzw. den Überfall auf Polen ortete auch die Porr neue Chancen. „Die Unternehmensleitung hat begonnen, rasch hinter den Stiefeln der deutschen Wehrmacht herzumarschieren und mögliche Bauprojekte festzumachen“, sagt Rathkolb. „Sie waren dabei gut vernetzt.“
Erweiterung der Rüstungskapazitäten
Außerdem erhielt die Porr 1940 Großaufträge für den Rüstungsbetrieb Gustloffwerke in Hirtenberg und Kottingbrunn, die Zellwolle in Lenzing und IG Farben in Linz. Ein Jahr später kamen noch die Donau Chemie (IG Farben) in Moosbierbaum dazu sowie das Flugmotorenwerk Ostmark in Guntramsdorf dazu. Die Porr profitierte massiv von der Erweiterung der Rüstungskapazitäten.
„Am Beispiel der Porr zeigt sich dies am massiv steigenden Auftragsvolumen im steirischen Industriegürtel sowie im südlichen Niederösterreich bereits ab 1941“, schreibt Historiker Christian Rabl. „Die Porr war u. a. für die Gebrüder Böhler & Co mit dem Ausbau der Stammwerke in Kapfenberg und Waidhofen an der Ybbs sowie ab 1942 mit dem Neubau des Elektrostahlgusswerks in St. Marein beschäftigt.“
Gute Kontakte
„Die Porr hatte offensichtlich gute Kontakte zur Organisation Todt“, sagt Rathkolb. „Das sieht man sehr deutlich. Die Organisation Todt ist der größte Auftraggeber gewesen.“ Benannt war diese Organisation nach Fritz Todt. Bis zu seinem Tod im Februar 1942 war er Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Die Organisation Todt führte Bauprojekte in den besetzten Gebieten durch.
Die Errichtung der Eisenbahn zur serbischen Kupfermine in Bor „war das größte Einzelprojekt der Porr in der NS-Zeit – unter Einsatz von italienischen Militärinternierten und ungarischen Juden“. Im Juli 1944 kamen im Bereich der Bauprojekte Organisation Todt Südost 1.058 ungarische Juden zum Einsatz, im August 1944 sogar 1.889 ungarische Juden.
„Die jüdischen Arbeitskräfte wurden unter den schlimmsten Bedingungen in Lagern vor Ort interniert“, heißt es im Porr-Buch.
Verlagerung unter Tage
Je näher die Front rückte, desto mehr musste das Nazi-Regime die Rüstungsindustrie und die Produktion vermeintlicher Wunderwaffen ins Reich verlagern.
„Mit der Fortdauer des Bombenkrieges werden die technologisch sehr sensiblen Kriegsrüstungsindustrien in extreme Tunnels verlagert“, sagt Rathkolb. Die Porr ist ab 1943 beim Bau von Stollenanlagen und bei der Untertage-Verlagerung der Rüstungswirtschaft im KZ-Ebensee und im KZ St. Georgen an der Gusen beteiligt.
Todesrate 50 Prozent
„Die Todesrate bei den Stollenprojekten betrug mehr als 50 Prozent“, heißt es im Porr-Buch. Im KZ Gusen gab es ein „Arbeitskommando Porr 3“ und einen „Porr-Stollen“. Wie groß das Arbeitskommando war, ist unklar. Auch im KZ-Ebensee wurden der Porr KZ-Häftlinge zugewiesen. Ist die NS-Verstrickung der Porr ein Sonderfall?
„Es ist ein typisch europäisches Beispiel“, sagt Rathkolb. „Es gibt kein Bauunternehmen im Deutschen Reich, das ohne Zwangsarbeitskräfte ausgekommen ist und, das ab einer bestimmten Größe nicht auf alle besetzten Gebiete expandiert ist. Die Porr steht stellvertretend für viele Bauunternehmen in der NS-Zeit.“
Demokratiebewusstsein in der Gegenwart heben
Doch diese wissenschaftliche Aufarbeitung bedeutet nicht nur Vergangenheitsbewältigung. „Zahlreiche Meinungsumfragen haben gezeigt, dass je kritischer sich die Menschen mit dieser totalitären Vergangenheit und Ausbeutung von Arbeitskräften auseinandersetzen, mit der Kriegsindustrie und Kriegswirtschaft, umso höher ist auch das Niveau des demokratischen Bewusstseins“, sagt Rathkolb. „Ich glaube daher, dass gerade solche Studien wichtig sind, um auch das Demokratiebewusstsein in der Gegenwart zu heben.“